Vortrag: Der „Jungle von Calais“ als Lager im Ausnahmezustand – 04.10.16 18.15h

Migrants walk on June 17, 2015 towards the ferry port of Calais, northern France. Around 3,000 migrants built makeshift shelters in the so-called 'New Jungle' before trying to go to England. AFP PHOTO / PHILIPPE HUGUEN (Photo credit should read PHILIPPE HUGUEN/AFP/Getty Images)Der „Jungle von Calais“ als Lager im Ausnahmezustand – „because I am a human, I am not an animal in a cage!“
Vortrag von Anna Sophia Clemens
Am 04.10.16 um 18.15 Uhr in Raum 15/131 im EW-Gebäude (am Schloss) Universität Osnabrück

Schon 1943 bezeichnete Hannah Arendt „Flüchtlinge als die Avantgarde ihrer Völker“ und das beinhaltet bis heute nichts weniger als die Forderung, die Ordnung von „Staat, Nation, Territorium“ durch die Erscheinung des „Flüchtlings“ radikal in Frage zu stellen.

Im „Jungle von Calais“, wie er von seinen Bewohner_innen bezeichnet wird, in der Nordfranzösischen Hafenstadt Calais, leben ca. acht- bis zehntausend Migrant_innen aus aller Welt. Sie „versuchen“ es jede Nacht aufs Neue: die „illegale Einwanderung“ nach England. Nach europäischen Recht sind sie „Illegale“, also „kriminell“, denn sie wehren sich dagegen, in dem EU-Staat der ersten Einreise als Asylbewerber_innen registriert zu werden und unterwandern damit die Dublin-Gesetze. Durch die Kategorisierung in „Wirtschaftsflüchtlinge“, „Flüchtlinge“, „Illegale Einwanderer“ usw. werden sie ihrer politischen und sozialen Rechte beraubt und auf das nackte Menschsein reduziert. Dadurch verschiebt sich der Diskurs hin zu humanitärerer Hilfe: Regierungen konstruieren sich als „Sorgende“ und die Gesellschaft kann sich wohl fühlen, mit dem Gedanken, dass sich selbst um die Rechtlosen gekümmert werde. Menschen, die sich „der humanitären Doktrin einer Rettung der Menschen“ nicht unterwerfen, sich nicht retten lassen und sich stattdessen selbst organisieren, wie in Calais, dekonstruieren diese Doktrin. Nun wird davon gesprochen, dass der restliche Teil des „Jungles“ ebenfalls geräumt werden soll – wieder eine „Lösung“, die dazu dient, unter dem Deckmantel von humanitärer Intervention und im Dienste der „Sicherheit“ die gegebene Ordnung zu legitimieren: Staat, Nation, Territorium.

Im Mai dieses Jahres war ich zum zweiten Mal im „Jungle“ und habe Interviews mit der Ausgangsfrage geführt: „Was würdest du über den „Jungle“ erzählen, wenn Du darüber berichten würdest?“ Eingebettet werden sollen die Interviews in einen Theoretischen Rahmen, der das Postulat einer „Krise“ und den daraus resultierenden Ausnahmezustand als Legitimierung des „Lagers“ kritisch hinterfragt und in den europaweit geführten Diskurs um „Sicherheit“ einordnet. Dabei beziehe ich mich auf Theorien von Hannah Arendt, Michel Foucault, Giorgio Agamben, sowie Dimitris Papadopoulos und Vassilis Tsianos.
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